Schuldgefühle gehören zu den häufigsten, aber auch belastendsten Emotionen, die Angehörige auf der Intensivstation erleben. Viele denken im Stillen: „Hätte ich früher etwas merken müssen?", „Warum habe ich nicht anders entschieden?" oder „Ich hätte öfter da sein sollen."
Aus meiner langjährigen Erfahrung kann ich sagen: Diese Gedanken sind sehr verbreitet – und sie sagen nichts darüber aus, ob Sie tatsächlich Schuld tragen.
In Ausnahmesituationen versucht unser Gehirn, Kontrolle zurückzugewinnen. Schuldgefühle geben dabei oft das Gefühl, man hätte etwas beeinflussen können. Dieses Gefühl ist häufig leichter auszuhalten als die Erkenntnis, dass manche Entwicklungen außerhalb unseres Einflusses liegen.
Medizinische Krisen entstehen jedoch nur sehr selten durch einzelne Entscheidungen oder Versäumnisse von Angehörigen.
Viele Schuldgefühle beziehen sich auf Entscheidungen, die unter großem Zeitdruck und hoher emotionaler Belastung getroffen wurden. Wichtig ist hier ein Perspektivwechsel: Sie haben nach bestem Wissen und mit den Informationen gehandelt, die Ihnen zu diesem Zeitpunkt zur Verfügung standen.
Perfekte Entscheidungen gibt es auf der Intensivstation nicht – weder für Angehörige noch für medizinisches Personal.
Ein weiterer häufiger Auslöser ist das Gefühl, nicht „genug" da zu sein. Arbeit, Familie, Erschöpfung oder Anfahrtswege führen dazu, dass man die Station verlässt. Daraus entsteht schnell der Gedanke, man lasse den Patienten im Stich.
Aus pflegerischer Sicht ist das nicht der Fall. Ihr Angehöriger ist medizinisch versorgt. Ihre Anwesenheit ist wertvoll – aber Sie müssen nicht rund um die Uhr funktionieren, um ein guter Angehöriger zu sein.
Vielen hilft es, Schuldgefühle bewusst auszusprechen – gegenüber vertrauten Menschen, dem Pflegepersonal oder in einem professionellen Gespräch. Gefühle verlieren oft an Intensität, wenn sie geteilt werden.
Wenn Schuldgefühle sehr stark sind, dauerhaft anhalten oder den Alltag deutlich beeinträchtigen, ist es sinnvoll, psychologische Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein aktiver Schritt zum Selbstschutz.
Mein persönlicher Rat: Begegnen Sie sich selbst mit derselben Nachsicht, die Sie einem guten Freund entgegenbringen würden. Mitgefühl darf auch Ihnen selbst gelten.
📝 Kurz zusammengefasst
- Schuldgefühle sind auf der Intensivstation sehr häufig
- Sie entstehen meist aus Hilflosigkeit, nicht aus tatsächlicher Schuld
- Entscheidungen wurden nach bestem Wissen getroffen
- Darüber zu sprechen kann deutlich entlasten
- Bei anhaltender Belastung Hilfe annehmen