Diese Frage stellen sich fast alle Angehörigen irgendwann – oft leise, manchmal verzweifelt: „Wie halte ich das alles aus?"
Die ehrliche Antwort lautet: Diese Situation fühlt sich für die meisten Menschen kaum aushaltbar an. Sie sind nicht zu empfindlich, nicht zu schwach und nicht „falsch", weil Sie an Ihre Grenzen kommen. Eine Intensivstation ist für Angehörige eine emotionale Ausnahmesituation.
Viele versuchen, stark zu bleiben, alles zu kontrollieren und irgendwie zu funktionieren. Genau das kostet jedoch enorm viel Kraft. Wichtig ist zu verstehen: Sie müssen diese Situation nicht „wegstecken".
Den Zeitraum klein halten
Ein hilfreicher Ansatz ist, den Zeitraum bewusst klein zu halten. Denken Sie nicht an die kommenden Wochen oder an mögliche Szenarien. Konzentrieren Sie sich auf heute – manchmal sogar nur auf die nächsten Stunden.
Das nimmt dem Gefühl der Überforderung oft ein Stück seiner Wucht.
Pausen sind kein Versagen
Viele Angehörige glauben, sie dürften die Station nicht verlassen. Doch niemand kann dauerhaft in dieser Anspannung bleiben.
Kurze Pausen – ein Spaziergang, ein Kaffee, frische Luft – sind keine Flucht, sondern eine notwendige Unterbrechung, um wieder Kraft zu sammeln.
Über Belastung sprechen
Sprechen Sie über das, was Sie belastet. Ob mit anderen Angehörigen, Freunden oder dem Pflegepersonal – Worte können entlasten.
Auf Intensivstationen erleben wir häufig, dass Angehörige innerlich „zumachen", bis sie emotional zusammenbrechen. Frühzeitig zu reden kann genau das verhindern.
Akzeptanz ist kein Aufgeben
Akzeptanz bedeutet nicht, aufzugeben. Sie bedeutet anzuerkennen, dass Sie diese Situation nicht kontrollieren können.
Sie können da sein, Fragen stellen, Entscheidungen begleiten – aber Sie tragen nicht die Verantwortung für den Krankheitsverlauf.
Da sein reicht
Viele Angehörige fragen sich, ob sie genug tun. Aus pflegerischer Sicht möchte ich Ihnen etwas Wichtiges sagen:
Da sein reicht oft. Eine Hand halten, leise sprechen, anwesend sein – das ist mehr, als Sie vielleicht glauben.
Sie müssen nichts leisten, um wertvoll zu sein.
Mein Rat aus vielen Jahren Intensiverfahrung: Seien Sie nachsichtig mit sich selbst. Diese Situation ist schwer. Dass Sie sie als schwer empfinden, zeigt nicht Ihre Schwäche – sondern Ihre Menschlichkeit.
📝 Kurz zusammengefasst
- Die Situation ist für fast alle Angehörigen extrem belastend
- Den Zeitraum bewusst klein halten (Tag für Tag)
- Pausen sind notwendig und kein Versagen
- Über Belastung zu sprechen entlastet
- Da sein reicht – Sie müssen nichts leisten