Paul Rawe – Fachkrankenpfleger

Intensivstation Ratgeber

von Paul Rawe

Fachkrankenpfleger für Intensiv- und Anästhesiepflege
17 Jahre Berufserfahrung · ehemalige Stationsleitung

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Wird mein Angehöriger wieder gesund?

Das ist die Frage, die mir auf der Intensivstation am häufigsten gestellt wird – und gleichzeitig diejenige, die sich am schwersten beantworten lässt.

Die ehrliche Antwort

Wir können Wahrscheinlichkeiten einschätzen, aber wir können keine sicheren Vorhersagen treffen. Der menschliche Körper reagiert sehr unterschiedlich auf schwere Erkrankungen, Verletzungen und intensive Therapien.

Was bedeutet „wieder gesund"?

Für manche Angehörige bedeutet es, dass der Patient wieder genauso leistungsfähig ist wie vor der Erkrankung. Für andere heißt es, wieder zu Hause leben zu können – auch wenn nicht alles so ist wie früher.

Mögliche Verläufe

  • Weitgehende Genesung: Der Patient erholt sich gut und kann sein Leben weitgehend wie zuvor fortführen. Das sehen wir häufiger bei jüngeren Menschen oder nach klar begrenzten Erkrankungen oder Operationen.
  • Teilweise Genesung: Der Patient kann nach Hause zurückkehren, hat aber bleibende Einschränkungen, zum Beispiel geringere Belastbarkeit, Mobilitätsprobleme oder Konzentrationsschwierigkeiten.
  • Langzeitfolgen: Nach schweren Erkrankungen wie Schlaganfall, langem Organversagen oder schwerer Sepsis können dauerhafte Beeinträchtigungen bestehen bleiben, die Reha oder langfristige Unterstützung notwendig machen.
  • Keine ausreichende Erholung: In manchen Fällen erholt sich der Körper trotz aller Maßnahmen nicht. Das gehört leider ebenfalls zur Realität der Intensivmedizin.

Was kann den Verlauf positiv beeinflussen?

  • Geduld – Heilung braucht Zeit, oft Wochen oder Monate
  • Frühzeitige und konsequente Rehabilitation
  • Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie
  • Unterstützung und realistische Erwartungen der Angehörigen

Es kann hilfreich sein, im Arztgespräch nach realistischen Szenarien zu fragen: Was wäre ein günstiger Verlauf? Was wäre ein ungünstiger Verlauf? Das hilft vielen Angehörigen, sich innerlich besser auf mögliche Entwicklungen einzustellen.

Meine persönliche Erfahrung: Manche Patienten überraschen uns positiv, andere leider auch negativ. Medizin ist keine exakte Wissenschaft – und genau das macht Prognosen so schwierig.

📝 Kurz zusammengefasst:

  • Eine sichere Prognose ist meist nicht möglich
  • „Gesund" kann für jeden etwas anderes bedeuten
  • Es gibt unterschiedliche mögliche Verläufe
  • Geduld, Reha und Unterstützung sind entscheidend
  • Realistische Gespräche mit dem Ärzteteam helfen
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